Warum feiern wir den 1.Mai?

Immer wieder taucht die Frage auf: Warum feiern die Gewerkschaften eigentlich den 1.Mai? Der Aufruf des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes von 1890 bietet die Antwort. Wir freuen uns, wenn ihr mit uns feiert!

Arbeiter! Genossen!
Auf dem im vorigen Jahre zu Paris stattgefundenen internationalen sozialistischen Arbeiterkongress wurde der 1.Mai 1890 als internationaler Arbeiterfeiertag proklamiert; an diesem Tage sollen die Arbeiter aller Länder eine Kundgebung zu Gunsten eines wirksamen internationalen Arbeiterschutzgesetzes, insbesondere aber zur Erringung des achtstündigen Arbeitstages veranstalten; zahlreiche Versammlungen haben bereits in Deutschland stattgefunden, in welchen der 1.Mai 1890 als Feiertag bestimmt wurde.

Arbeiter! Erwäget die Vorteile, welche Euch als aus der Verkürzung der Arbeitszeit, insbesondere aber aus dem achtstündigen Arbeitstage erwachsen.
Bei achtstündiger Arbeit wird der Körper mehr geschont und das Leben des Arbeiters verlängert.
Bei achtstündiger Arbeitszeit sind mehr Arbeiter erforderlich und viele Arbeitslose können Arbeit erhalten.
Bei achtstündiger Arbeitszeit steigen die Löhne, weil die Arbeitslosen, welche unablässig auf die Löhne drücken, an Zahl verringert werden.
Bei achtstündiger Arbeitszeit bleiben noch acht Stunden zur Ruhe, acht Stunden zur Belehrung, Aufklärung und zum Vergnügen.
Bei achtstündiger Arbeitszeit werden die Fach- und Bildungsvereine, wie auch die Versammlungen, besser besucht.
Bei achtstündiger Arbeitszeit steigert sich die Kauffähigkeit der Arbeiter, und die Folge ist eine höhere Nachfrage nach Waren und die Anstellung weiterer Arbeiter.
Bei achtstündiger Arbeitszeit wird der Verdienst größer und man kann die Kinder in die Schule anstatt in die Fabrik schicken.
Bei achtstündiger Arbeitszeit werden die Arbeitermassen politisch reifer und selbständiger.
Bei achtstündiger Arbeitszeit ist der Arbeiter kein bloßes Arbeitsinstrument mehr, sondern er beginnt Mensch zu sein.
Deshalb Arbeiter rüstet euch zu diesem Kampfe!

Zeigt am 1.Mai 1890, dass wir gewillt sind, den Kampf mit der bei den letzten Reichstagswahlen so sehr geschlagenen Reaktion fortzusetzen, dass wir als selbständige Arbeiter auch diesen Tag feiern können, welcher von den Proletariern aller Länder bestimmt wurde, um den herrschenden Klassen zu wiederholten Malen in die Ohren zu donnern, dass wir mit dem jetzigen System nicht einverstanden sind, dass wir ein internationales Arbeiterschutzgesetz, einen achtstündigen Arbeitstag haben wollen, wodurch der heutigen Produktionsweise mehr Fesseln angelegt werden.

Deshalb auf zur Feier des 1.Mai 1890!

aus: Deutsche Metallarbeiter-Zeitung, 22.März 1890

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